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Angehörige sind mehr als eine Ressource

Wenn über Angehörige von Menschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen gesprochen wird, fällt häufig das Wort „Ressource“. Gemeint ist, dass sie unterstützen, Stabilität vermitteln und im Alltag helfen können. Darin liegt Anerkennung. Aber der Begriff lässt eine entscheidende Frage offen: Wer sieht die Menschen hinter dieser Unterstützung?

Angehörige sind Eltern, Partnerinnen und Partner, Geschwister, erwachsene Kinder oder andere nahestehende Menschen. Sie haben eine gemeinsame Geschichte mit dem Menschen, um den sie sich sorgen. Sie haben eigene Wünsche, Verpflichtungen und Grenzen. Ihre Beziehung lässt sich nicht auf eine Funktion im Versorgungssystem reduzieren.

**Die eigene Lebenssituation verdient Aufmerksamkeit**

Wer einen nahestehenden Menschen durch psychische Krisen begleitet, kann selbst Orientierung und Entlastung benötigen. Wie kann ich hilfreich sein, ohne mich zu überfordern? Was darf ich meinem Gegenüber zutrauen? Wo endet meine Verantwortung? Und wie finde ich wieder Raum für mein eigenes Leben?

Angehörige durchlaufen eigene Prozesse von Recovery und Empowerment. Gemeint ist damit, unter veränderten Lebensbedingungen wieder Zuversicht und Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen, eigene Stärken zu entdecken und das Leben selbstbestimmt weiterzugestalten. Dazu kann auch gehören, Erwartungen zu verändern, Verluste zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln.

Für mich gehören diese Fragen selbstverständlich in Beratung und Versorgung. Die Gesundheit und Lebensqualität von Angehörigen verdienen eigenständige Aufmerksamkeit.

**Diese Perspektive gehört auch in Leitlinien**

An der neuen S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ habe ich selbst mitgearbeitet. Die Version 3.0 widmet der besonderen Situation von Angehörigen ein eigenes Kapitel. Sie empfiehlt zudem, Angehörigen und nahestehenden Personen bei Bedarf Entlastung und Unterstützung anzubieten, um ihre eigene Gesundheit und Lebensqualität zu stärken.

Auch die Perspektive auf persönliche Recovery- und Empowerment-Prozesse Angehöriger findet sich in der Leitlinie wieder. Diesen Gedanken haben die Mitglieder der AG Impuls in die neue S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ eingebracht: Angehörige benötigen Raum für ihre eigene Entwicklung und Unterstützung bei der Gestaltung ihres Lebens unter veränderten Bedingungen. Angehörige benötigen Raum für ihre eigene Entwicklung und Unterstützung bei der Gestaltung ihres Lebens unter veränderten Bedingungen.

Für mich verbindet sich damit eine konkrete Frage an die Praxis: Wie erreichen diese Empfehlungen die Familien? Eine Leitlinie kann Orientierung geben. Entscheidend ist, ob daraus zugängliche Angebote entstehen.

**Zusammenarbeit braucht Raum für unterschiedliche Sichtweisen**

Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen und ihre An- und Zugehörigen können dieselbe Situation unterschiedlich erleben. Was für die eine Person notwendiger Freiraum ist, kann bei einer anderen große Sorge auslösen. Fachpersonen bringen wiederum ihre eigene Einschätzung und Verantwortung mit.

Gute Zusammenarbeit braucht Raum für diese Unterschiede. Die Selbstbestimmung der betroffenen Person muss ebenso ernst genommen werden wie die Grenzen der Angehörigen. Niemand sollte selbstverständlich zur Betreuungsperson werden, nur weil eine familiäre Beziehung besteht.

Ich wünsche mir Gespräche, in denen auch ausgesprochen werden kann: „Ich möchte dich unterstützen, aber das kann ich nicht mehr leisten.“ Einen solchen Satz ernst zu nehmen, gehört für mich zu einer respektvollen Versorgung.

Das gilt besonders, wenn Hilfen stärker im häuslichen Umfeld stattfinden. Eine gemeindenahe Versorgung braucht verlässliche professionelle Angebote, erreichbare Krisenhilfen und tragfähige Netzwerke. Ambulantisierung darf nicht bedeuten, Verantwortung stillschweigend in die Familien zu verlagern.

**Aus Erfahrung entsteht eigenständiges Wissen**

Angehörige sprechen aus einer eigenen Beziehungserfahrung. Sie erleben, was zwischen Behandlungsterminen geschieht, wie sich Krisen auf das Zusammenleben auswirken und ob Unterstützung im Alltag tatsächlich trägt.

Erfahrungsexpertise entsteht, wenn solche Erfahrungen reflektiert, mit den Erfahrungen anderer in Beziehung gesetzt und systematisch weiterentwickelt werden. Dieses Wissen kann Fragen sichtbar machen, die in Versorgung und Forschung sonst zu wenig Beachtung finden.

Deshalb setze ich mich für qualifizierte Angehörigen-Peer-Beratung und die Beteiligung Angehöriger als Co-Forschende ein. Sie sollen Forschungsfragen, Vorgehensweisen und die Interpretation von Ergebnissen mitgestalten können. Dafür braucht es klare Aufgaben, angemessene Vergütung und tatsächlichen Einfluss.

Angehörige sind Menschen mit eigenen Unterstützungsbedürfnissen, eigenen Perspektiven und einem Wissen, das Versorgung verändern kann. Diese Eigenständigkeit sichtbar zu machen, ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.

**Quellen und weiterführende Informationen**

DGPPN (Hrsg.): S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“, Version 3.0, 2025. Insbesondere Kapitel 6.2 zur besonderen Situation von Angehörigen sowie Kapitel 10.2 zu psychosozialen Interventionen in sozialen Kontexten einschließlich der AG-Impuls-Textbox zur Mitbetroffenheit Angehöriger.

[Zur Leitlinie im AWMF-Leitlinienregister](https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-020)

Eigene Textgrundlagen: mein Beitrag zur Angehörigenperspektive für die AG Impuls sowie mein Text zur Erfahrungsexpertise von An- und Zugehörigen vom 29. Juni 2026.